Röhre oder Transistor

Röhre vs. Transistor

« Echte Klangliebe oder alles nur Einbildung? »

Kaum ein anderes Thema wird seit vielen Jahren so kontrovers diskutiert, wie die Frage „Röhre oder Transistor?“. Fest steht, dass es neben technischen und faktischen Unterschieden auch klangliche Differenzen gibt. Wir versuchen im folgenden Artikel ein wenig Licht ins Dunkle einer beinahe schon festgefahrenen Diskussion zu bringen. Klar, wir und viele bekannte Gitarristen lieben den Klang eines gut eingestellten und angespielten Röhrenamps über alles. Trotzdem gibt es Situationen, Musikgenres und Gelegenheiten, zu denen ein Amp auf Röhrenbasis nicht das beste Mittel der Wahl ist. Um die Entscheidung treffen und die jeweilige Situation einschätzen zu können, haben wir die wichtigsten Fakten zusammengetragen – viel Spaß!

Ein kurzer Schritt zurück – von Röhren und Transistoren

Wer sich mit Instrumentalverstärkern beschäftigt, wird schnell mit der Thematik Röhre vs. Transistor konfrontiert. Doch neben klanglichen Unterschieden ist es vor allem der innere Aufbau der Verstärker, der den Ausschlag gibt.

Aufbau eines Röhrenverstärkers

Um das sehr niedrige Eingangssignal an die Boxen zu bringen, setzen Röhrenverstärker auf Elektronenröhren. Diese arbeiten mit einem glühenden Draht, welcher mittels Heizung erhitzt wird. Der Draht sendet Elektronen aus, die auf eine positiv geladene Kathode treffen. Auf dem Weg durch das Vakuum der Röhre werden die Teilchen dabei durch Gitter gelenkt, an denen ebenfalls eine negative Spannung liegt. Durch Veränderung der Spannung lässt sich eine Veränderung an der Stromstärke erreichen. Der Signalweg einer Endstufe auf Röhrenbasis erfolgt also rein analog und ohne viele technische Hilfsmittel – weswegen er bei  vielen Gitarristen als unangefochtene Nummer 1 gilt.

5U4G / 5C3S / 5Ц3C NOS blackplate - Thema Röhre vs. Transistor

Aufbau eines Transistorverstärkers

Auch Transistoramps sollen den Klang der E-Gitarre möglichst sauber an die Box bringen. Dabei werden jedoch keine analogen Elektronenröhren verwendet, sondern unterschiedlich aufgebaute Transistoren. Diese elektronischen Bauteile verwenden ihre interne Schaltung, um ein kleines, eingehendes Signal zu verstärken und eine höhere Stromstärke und Spannung auszugeben. Durch den Einsatz von Transistoren wird weniger Energie verwendet, auch die für das eingesetzte Material schädliche Hitze fällt weitestgehend weg. Durch die „sanftere“ Verstärkung des Signals wird bei Transistor-Systemen so eine größere Signalklarheit erreicht.

OC75N Germanium Transistor, verwendet im Vox Tone Bender - Thema Röhre vs. Transistor

Transistor vs. Röhre – Unterschiede im Sound

Kein Punkt im Streit zwischen Transistor-Fans und Röhrenverehrern wird leidenschaftlicher verteidigt, als der Sound der jeweiligen Systeme. Während die Frage nach „gutem“ Sound sicherlich hoch individuell und subjektiv ist, können die klanglichen Unterschiede sehr gut und genau beschrieben werden. Wir betrachten drei Schlüsselfaktoren, die immer wieder behandelt werden: Wärme, Dynamik und Verzerrung.

Transistor vs. Röhre – Wärme

Von Wärme oder „Natürlichkeit“ im Klang wird immer wieder gesprochen, wenn der Klang eines Röhrenamps beschrieben werden soll. In der Tat gibt es auch bei dieser Charakteristik Unterschiede zwischen Transistor und Elektronenröhren. Hintergrund dieser Unterschiede sind die sogenannten Obertöne. Diese werden von beiden Verstärkern wiedergeben, von Röhrenverstärkern sogar in einem größeren Maße. Doch die Art der Obertöne macht den großen Unterschied – die Obertöne der Röhren wirken aufgrund ihrer analogen Entstehungsweise angenehmer und „runder“ für das menschliche Ohr.

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Transistor vs. Röhre – Dynamik

Dynamik bezeichnet im Zusammenhang mit Instrumentalverstärkern den Umgang mit Variationen in Anschlagsart und Spieltechnik. In Vor- und Endstufe kommt es vor allem auf den Umgang des Verstärkers mit unterschiedlichen Signalstärken an – wie auch beim Thema Verzerrung. Doch dazu später mehr. Röhrenverstärker sind grundsätzlich recht sensibel, was die Signalstärke angeht. Bereits kleine Spannungsspitzen können zu einem Übersteuern des Amps führen. Was Jazzgitarristen der 50er und 60er Jahre in den Wahnsinn getrieben hat, ist heute vor allen bei Rock- und Metalgitarristen beliebt – das Spiel mit der einsetzenden Zerre und wandelnden Lautstärken.

Zusammenfassung Dynamik

Auf Grund der empfindlichen Technik, setzen Elektronenröhren die Unterschiede im Anschlag und in der Spieltechnik schneller und plastischer um. Transistorverstärker sind weniger anfällig für solche Feinheiten und bieten einen „glatteren“ Klang.

Tube Reverb 6G15 Style Amp-Kit

Transistor vs. Röhre – Zerre

Da ist er endlich, der Elefant im Raum. „Röhrenzerre“, „Sättigung“ und „sahniger Overdrive“ sind Schlagworte, die immer wieder fallen, wenn es um die unterschiedlichen Ansätze bei der Signalverzerrung geht. Was bei Hifi-Verstärkern ein absolutes No-Go-Kriterium ist, wird bei Gitarrenamps regelrecht vergöttert. Die Rede ist von der Signalverzerrung, die besonders in den modernen Spielarten des Blues und Rock nicht mehr wegzudenken ist. Overdrive bezeichnet dabei das Verhalten eines Verstärkers bei Pegelspitzen: Das eingehende Signal eines Instruments ist niemals gleichmäßig, sondern wird von Anschlagskraft, Gitarrenschaltkreisen und Effektgeräten beeinflusst. Der Umgang mit auftretenden Pegelspitzen liegt dann bei Transistor und Röhre an der Art der Verzerrung. Während Elektronenröhren die höchsten Ausschläge abrunden (so genanntes Soft-Clipping), geben Transistoren die Ausschläge nicht wieder, sondern kappen die Spitzen (Clipping). Der klangliche Charakter eines Transistors ist daher grundsätzlich harscher und härter.

Zusammenfassung Signalverzerrung

Die Signalverzerrung beschreibt den Umgang eines Systems mit Pegelspitzen und wird bei Röhre und Transistor unterschiedlich gehandhabt. Röhren sind anfälliger für Pegelspitzen und gehen früher in die so genannte Sättigung, während Transistoren länger bei einem sauberen Signal bleiben. Ist ein möglichst lautes Clean-Signal erwünscht, liefert der Transistor mehr Reserven. Ist eine angenehm runde und warme Zerre gesucht, hat der Röhrenverstärker die Nase vorn. Hier kommt es vor allem auch auf das angestrebte Musikgenre an – bekannte Gitarristen unterschiedlicher Genres schwören daher auf verschiedene Geräte.

E-Gitarrist spielt, im Hintergrund viele Verstärker - Röhre oder Transistor kann man pauschal nicht sagen

Transistor vs. Röhre – Pro und Contra

So sehr sich auch die subjektiven Eindrücke von Röhre und Transistor unterscheiden, so gibt es doch eine ganze Reihe von objektiven Vor- und Nachteilen der jeweiligen Technologie, die wir im Folgenden kurz auflisten möchten.

Vor- und Nachteile von Röhrenamps

Vieles spricht für Röhrenamps – doch nicht alles. Eine Übersicht:

Pro

  • Sättigung und Verzerrung sorgen für eine warme Klangcharakteristik
  • Dynamische Umsetzung von Anschlags- und Spielveränderungen, besseres Impulsverhalten
  • Weniger aktive Bauteile
  • Röhrenwechsel ermöglicht eine Erweiterung / Veränderung der Klangcharakteristik
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Contra

  • Erhöhter Energieverbrauch
  • Starke Wärmeentwicklung
  • Meist höheres Gewicht
  • Aufwändigere Herstellung bedingt höheren Preis
  • Röhrenverschleiß erhöht die Wartungsintensität

Vor- und Nachteile von Transistoramps

Auch Transistoramps haben ihre Eigenheiten. Es folgt der Überblick zu Vor- und Nachteilen zur Technologie.

Pro

  • Geringerer Preis
  • Sound ist besonders neutral und hat große Clean-Reserven
  • Verschleißarm und nicht wartungsintensiv
  • Geringer Klirrfaktor / weniger Obertöne
  • Geringer Energieverbrauch
  • Geringeres Gewicht

Gitarrist spielt - ob Röhre oder Transistor muss jeder für sich entscheiden

Contra

  • Weniger warmer, natürlicher Klang
  • Klirrfaktor steigt bei Überlastung stark und steil an
  • Weniger dynamisch und ansprechfreudig
  • Sättigung nicht ausreichend für „echte“ Verzerrung

Transistor vs. Röhre – Fazit

Es gibt sie also, die objektiven Unterschiede bei Transistor vs. Röhre. In aller Regel haben Amps mit Röhrenvor- und Endstufen die Nase immer dann vorn, wenn es um Ton und Klang geht. Dafür sind die analogen Gitarrenverstärker weniger praktisch. Höherer Wartungsaufwand und anfälligere Technik schrecken nach wie vor viele Gitarristen ab. Bei der Auswahl des passenden Gitarrenverstärkers kommen daher neben Sound und Klang auch andere Krieterien zum Zuge – doch wann immer es möglich ist, ist unser Plädoyer klar: Es geht nichts über den richtigen Klang!  Noch besser klingts mit Equipment von TubeAmpDoctor!
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Bildquellen:
Beitragsbild: © cristianstorto – stock.adobe.com
Gitarrist spielt im Sitzen: © sumnersgraphicsinc – stock.adobe.com
Stehender Gitarrist: © evannovostro – stock.adobe.com