Was den Röhrensound besonders macht

« Eine Ode an die Röhre »

Auf der Suche nach dem perfekten Sound kommt jeder Gitarrist früher oder später zum Röhrenverstärker – die meisten bleiben. Doch woher kommt die Faszination dieser alten, analogen Technik und was bewegt Musiker auf der ganzen Welt sich mit einem vergleichsweise wartungsanfälligen, manchmal launischen Setup auseinanderzusetzen? Der Röhrensound liefert die Antwort.

Faszination Röhrensound

Wir haben als Tube Amp Doctor natürlich eine ganz eigene Sicht auf die Faszination Röhre. Dennoch wollen wir heute versuchen, das Geheimnis des Sounds bei einem topeingestellten Amp zu ergründen. Ob uns das gelingt, sei dahingestellt.

Analog vs. Digital – ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Musik

Musik begleitet die Entstehung der Menschheit offenbar schon immer. So ganz genau weiß das natürlich keiner, aber es ist davon auszugehen, dass diese Musik bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, ausschließlich analog und „per Hand“ gemacht wurde. Schwingendes Holz und Metall wurden durch Spieltechnik und Aufnahmetricks in die verrücktesten Formen gebracht und doch wurde das Ausgangssignal immer in seiner ursprünglichen Wellenform transportiert und schlussendlich an den Lautsprecher übergeben.

Caravaggio: Der Lautenspieler (um 1595)

Wird die analoge Wellenform aber im Laufe der Zeit durch digitale Geräte aufgenommen und verändert, wird aus einer gleichförmigen Welle eine kantige Signalform, 1 oder 0. Der so veränderte Sound muss im Laufe seines Weges an irgendeiner Stelle wieder zu seiner ursprünglichen analogen Welle konvertiert werden – es streiten sich die audiophilen Gelehrten, wie sehr dieser Moment zu hören ist. Menschen hören selbstverständlich analog. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass der Klang von Röhrenverstärkern für die meisten „lebendiger“ oder „wärmer“ klingt. Die Umwandlung von 1 und 0 zu einer analogen Welle durch den Verstärker kann kaum ohne Verluste vonstattengehen, auch wenn wir inzwischen weit weg sind von den robotermäßigen Sounds aus der Anfangszeit digitaler Musik.

Modernes Tonstudio

Hören als psychologischer Vorgang – der Geist hört mit

Abseits von technischen Details gibt es viele Modelle, die den „besseren“ Klang von analogem Equipment zu erklären versuchen. Das verständlichste Modell beruht dabei auf einem psychologischen Vorgang:

Analoge Verstärker sind technisch bedingt träger und zumindest bei Verstärkern, aufwendiger zu bedienen als digitale Technik. Einschalten, Vorglühen, Einstellen – all diese Vorgänge dauern ihre Zeit und bereiten das Ohr bereits vor. Die „Vorfreude“ wächst sozusagen mit und lässt einen die dann produzierte Musik bewusster wahrnehmen. Im Prinzip bedeutet das: Je länger wir uns mit einer Sache beschäftigen und uns auf sie konzentrieren, desto klarer nehmen wir sie wahr. Dass digitale Soundprozessoren innerhalb von Millisekunden einsatzbereit sind, ist zwar ein technischer Vorteil – aber kein psychologischer.

Frau startet Schallplattenspieler

Klangeigenschaften von Röhrenverstärkern

Viel ist gesagt zum Thema Röhrensound vs. Transistor. Doch worüber sprechen wir tatsächlich? Was macht den Sound eines guten Röhrenverstärkers aus? Viele Schlagwörter fallen in diesem Zusammenhang und lassen die Debatte unübersichtlich erscheinen.

Wärme, Dynamik,  Natürlichkeit – wir versuchen diesen Wörtern eine Bedeutung zu geben:

Wärme

Als warmklingend werden Röhrenverstärker, sowohl im Hifi Bereich, als auch bei den Instrumentalverstärkern, oft genannt. Die vom menschlichen Ohr wahrgenommene „Wärme“ lässt sich mit dem Ansprache- und Wiedergabeverhalten von Röhrenamps erklären. Bei der Wiedergabe trägt das Signal neben dem eigentlichen „Hauptklang“ auch Abweichungen vom Frequenzband mit sich, die sogenannten Obertöne. Wie viele dieser Abweichungen ein Röhrenverstärker zulässt, wird mit dem „Klirrfaktor“ angegeben. Während diese Obertöne bei Transistoramps zwar deutlich leiser ausfallen, wirken sie beim Röhrensound „passender“ und bieten dem Ohr damit ein angenehmeres Profil. Passende Fehler, sozusagen.

Tweed Two-Twelve-65, 5F8A Style

Dynamik

Dynamik spielt besonders bei Gitarrenamps eine große Rolle: Röhrenverstärker, die mit einer entsprechend hochwertigen Gitarren bespielt werden, lassen sich lediglich durch Einstellungen an den Tone- und Volume-Potis derart stark im Röhrensound verändern, dass Effektgeräte oft überflüssig werden. Verzerrungen, die im Röhrenverstärker besonders in der Vorstufe auftreten, werden schneller und einfacher erreicht als beim Transistor. Hinzukommt die oben bereits angesprochene Wärme. Die Verzerrung wird weicher und weniger aufdringlich. Oftmals wird von „musikalischer Zerre“ gesprochen.

Frequenzdarstellung / Natürlichkeit

Musik besteht aus einer Vielzahl von Frequenzen, Wellenlängen vom Schall, wie er von den Verstärkern an die Lautsprecher übergeben wird. Je nach Verstärkertyp werden unterschiedliche Frequenzen auf verschiedene Art verstärkt bzw. interpretiert. So ergeben sich klangliche Unterschiede, die in der Regel auf den Transistor- bzw. Röhrensound zutreffen. Wie immer gilt jedoch: Alle Verstärker unterscheiden sich. Wir orientieren uns am Mittel aller uns bekannten Amps!

Mann sitzt vor Hifi-Anlage

Bass

Gerade bei tiefen Frequenzen neigen Transistorverstärker dazu, prägnanter und weniger „matschig“ zu klingen. Die Bassanteile der Spur werden präziser wiedergegeben, der Sound wird insgesamt „knackiger“ als bei einer Wiedergabe durch Tubeamps.

Mitten

Die musikalisch besonders wichtigen Mittelfrequenzen, wie sie beispielsweise bei der menschlichen Stimme oder der Gitarre vorherrschen, werden ebenfalls unterschiedlich wiedergegeben. Hier tut sich der Röhrensound hervor, der die Frequenzen „abrundet“ und Töne sehr feinfühlig und warm wiedergibt. Betrachtet man diese beiden Frequenzbeispiele, wird deutlich, warum für viele Ohren der Röhrensound angenehmer und natürlicher klingt. Da Bassfrequenzen für unser Ohr ungewohnter sind als die alltäglichen Mitten, wird eine gute Mittendarstellung durch Röhrenverstärker das Ohr stets überzeugen können.

KR Audio KT88 - Quartet (4 gematchte Röhren)

Röhrensound – Fazit

Wir lieben den Röhrensound eines guten Röhrenamps. Und auch, wenn moderne, digitale Verstärkermodelle oder Effekte großartig klingen können, kommen sie doch nicht an das Gefühl heran, das ein Amp mit Elektronenröhren ausstrahlt. Die Faszination analoger Verstärkung, der Aufwand und die Eigenheiten dieser Technik haben, gerade in unserer schnellen und digitalen Welt, ihre Faszination eher noch vergrößert. Der Tube Amp Doctor sagt: Lang lebe der Röhrenverstärker!

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