Britischer vs. amerikanischer Ampsound

« Wie hörbar ist der Unterschied? »

Heute widmen wir uns einem der ganz großen Themen, mit dem sich Internetforen und Fachzeitschriften seit Gitarristen-Gedenken in schier unendlicher Geduld und Diskutierfreude widmen: Der Frage danach, was eigentlich „amerikanischer Ampsound“ und was „britischer Ampsound“ ist, bzw. welche Verstärker diese Klänge abrufen können. Eines sei vorweggestellt: Wir wagen nicht, eine allgemeingültige Definition zu erarbeiten, vielmehr wollen wir das Thema aufgreifen und anhand einiger Beispiele in Relation setzen. Neben Fragen der Herkunft einzelner Geräte, Abmischung, Musikgenres und Geschmäckern geht es nämlich hauptsächlich um ein zentrales Problem der Musik-Literatur: Wie beschreibe ich eigentlich Klang?

Britischer Ampsound vs. amerikanischer Ampsound – wie (vielleicht) alles begann

Es gibt zahlreiche Legenden rund um die Entstehung von heute allgegenwärtigen Gitarrensounds –  auch im Hinblick auf die Adjektive „amerikanisch“ und „britisch“. So wird von Herstellern berichtet, die ihre Produkte ausschließlich von einheimischen Zulieferern bestücken lassen, von einflussreichen Gitarristen, die Sound durch ihre einmalige Spielweise beeinflussten oder sogar von unterschiedlichen Hörgewohnheiten des Publikums. Sogar Anekdoten, wonach die Bauweise amerikanischer Häuser einen Einfluss auf den Bassanteil der abgemischten Musik hat, finden sich nach einiger Suche im Netz.

Ein Ausschnitt eines Verstärkergehäuses mit Buchsen und Reglern

Egal, wie berechtigt oder unberechtigt einige oder alle dieser Ansätze sind, einen (auch heute nachvollziehbaren) Bruch im Klang der E-Gitarre hat es gegeben, dem es nachzugehen gilt. So hatte bereits 1966 Beatles-Gitarrist und Soundfanatiker George Harrison bemängelt, dass die US-Produktionen einen eigenen, lebendigeren Klang haben, als die einheimischen, britischen Aufnahmen. Im Rahmen dieser Feststellung wurde das Equipment der Band teilweise ausgetauscht und den amerikanischen Sitten angepasst – Fender, Gibson und Rickenbacker ersetzten Gretsch und Höfner. Ob nun die Neuausrichtung des Beatle-Tons der 60er Jahre noch immer einen Einfluss hat oder nicht – zumindest lässt sich die Diskussion amerikanischer Ampsound vs. britischer Ampsound bis zu diesem Zeitpunkt zurückverfolgen. Doch wie klingen denn nun britischer Ampsound oder amerikanischer Ampsound im Live-Einsatz? Wir gehen der Frage nach – so objektiv es eben geht.

Britischer Ampsound vs. amerikanischer Ampsound – die Charakteristiken

Wo und wann auch immer die Diskussion um amerikanischen Ampsound und britischen Ampsound begonnen haben mag – es gibt unterschiedliche Definitionen für den Klang dieser regionalen Zuordnungen. Um zu verstehen, wie unterschiedliche Klangcharakteristiken entstanden sind und nach wie vor entstehen, müssen die Gitarrenverstärker unterschiedlicher Hersteller näher betrachtet werden. Beginnen wir mit den „typisch britischen“ Soundeigenschaften von Verstärkern und deren Herstellern.

Ein Gitarrist schlägt auf ein Akkord an, im Hintergrund ist eine Verstärkerwand zu sehen

Typisch britisch – Verstärker und Sound made in the UK

Zwar ist Großbritannien ein vergleichsweise kleines Land, hat aber doch einen gewaltigen Einfluss auf die Musikgeschichte im Allgemeinen und auf die Entwicklung von verstärktem Gitarrensound im Speziellen. Die Heilige Dreifaltigkeit der britischen Verstärker lautet Marshall – VOX – Orange, und deren interner Aufbau und die jeweiligen Produktbesonderheiten prägen seit langem den „britischen Ampsound“ in jedem Musikgenre. Im Laufe der Zeit übernahmen und verfeinerten Hersteller wie Laney oder Hiwatt diese Eigenschaften. Typisch für Verstärker dieser britischen Hersteller ist und war die Verwendung von EL34 oder EL84 Röhren in der Endstufe. Die sehr weich auflösenden und übersteuernden Röhren sorgen für einen komprimierten und „engeren“ (engl. tight) Klang.

           EL84M TAD-Tubes, Premium Matched                 EL34 JJ Electronic

Marshall

Marshall ist neben Fender der wohl bekannteste Verstärkerhersteller der Welt. Durch Innovationen, großartiges Design und genialen Klang hat sich die britische Firma ihren Platz in der Musikgeschichte einzementiert. Mit Verstärkern wie dem JCM, DSL oder JVM haben zahllose bekannte Gitarristen aus Rock und Metal ihre ersten Schritte unternommen und noch heute ist der ungezähmte Sound eines DSL Full-Stacks beeindruckend. Die Neigung, bei hohen Lautstärken zu komprimieren und musikalisch aufzubrechen gibt Marshall den Ruf „dreckig“ oder „rotzig“ zu klingen.

Marshall-Verstärker und Boxen

VOX

VOX ist als Traditionsunternehmen ebenfalls kaum aus der modernen Musikgeschichte wegzudenken. Mit dem Klassiker AC30 bringt VOX einen besonders melodisch verzerrenden Verstärker auf den Markt, der durch seine klaren und markanten Höhen ebenso zu bestechen weiß, wie seine weichen und fast schon verschwimmenden Mitten. Die gehörige Portion Dreck in der Verzerrung eines AC30 haben berühmte Gitarristen wie Brian May von Queen oder The Edge von U2 dazu bewogen, dem VOX lange und vor allem erfolgreich treu zu bleiben

Orange

Kraftvolle Zerren und konzentrierte High-Gain Sounds sind die Markenzeichen von Orange Verstärkern – sie brachten die Gitarrenverstärker der Briten in den Fokus moderner Hard Rock und Heavy Metal Bands. Die besonders durchsetzungsfähigen und teils brachial aufspielenden Röhrenverstärker der Rockerverb-Serie haben den so manche bekannte Gitarristen geprägt. Doch nicht nur Verzerrung, auch sahnige, singende Cleans lassen die orangen Röhrenverstärker durchaus gern zu.

Britischer Ampsound und deren Hersteller – eine gehörige Portion großartigen Drecks

Zusammengefasst lässt sich für den typischen, britischen Gitarrenvestärker also sagen: Die Auswahl an leicht und organisch verzerrenden Röhren in der Vor- und Endstufe begründete die Tradition britischer Röhrenverstärker, dreckiger und ungezügelter zu klingen. Auch abseits von Marshall und Co. gibt es viele Hersteller (z.B. Laney oder Hiwatt), die der Soundtradition treu geblieben sind. Dabei kommt es hier nicht auf die reinen Gain-Reserven an. Vielmehr zeichnen sich britische Amps durch eine gewisse Wärme und organisches Zerrverhalten aus, die die analoge Röhrentechnik besonders schön zu betonen weiß.

Eine E-Gitarre, an deren Tragegurt eine Plakette mit dem Union Jack prangt

Typisch amerikanisch – Verstärker und Sound made in the USA

Der Einfluss der USA auf die Geschichte der modernen Musik ist nicht von der Hand zu weisen und in dieser Form, zumindest in der westlichen Kultur, unerreicht. Kaum eine Band, kaum ein Gitarrist, die nicht zumindest durch einzelne Künstler der Vereinigten Staaten inspiriert wurden. Kein Wunder also, dass auch Amp-Hersteller eine feste Größe in den USA sind. Und anders als in Großbritannien wurden von amerikanischen Herstellern vor allem Röhren des Typs 6L6s oder 6L6v verwendet. Diese Röhren haben eine höhere Leistungsreserve und brechen weniger schnell auf – übersteuern sie jedoch, klingen sie etwas schärfer, schneidender und begründen so den typischen amerikanischen Ampsound.

6L6GC-STR BLACKPLATE RCA-Style TAD PREMIUM Selected

Fender

Neben Instrumenten ist Fender besonders wegen der zahlreichen, ikonischen Amp-Modelle berühmt geworden, die allesamt einen speziellen Platz in der Musikgeschichte haben. Deluxe Reverb, Hot Rod oder Princeton – all die großartigen Gitarrenverstärker der Firmengeschichte haben mit großen Cleanreserven (dem sogenannten Headroom) bestochen und waren gerade bei Country- und Bluesgitarristen wegen ihrer unglaublichen Lautstärkereserven sehr beliebt. Die Neigung, später zu verzerren und in der Zerre einen hohen Bassanteil bei gleichzeitig sehr klaren Höhen und Mitten zu behalten, begründete DEN typischen Fendersound – bis heute.

Mesa/Boogie

Heute auch unter dem Firmennamen Mesa Engineering bekannt, lieferte Mesa schon früh dass, was heute landläufig unter Boutique-Amps verstanden wird. Aufwändig produzierte und eingestellte Verstärker oberster Güte sind noch immer Markenzeichen der Amerikaner. Der Klang der Mesa/Boogie Verstärker hat sich schon seit Bestehen der Firma an hohen Gainreserven und einer tonalen Grundaggressivität orientiert. Diese Klangeigenschaften wurden besonders von der Metalgemeinde mit Freuden aufgenommen. Der in Teilen als analytisch beschriebene Gain-Klang von Dual Rectifier und Co. besticht durch einen hohen Grad an Kompression und ein gerafftes Klangbild. Wo Orange wärmer klingt, wirken Mesa Verstärker eher metallisch-rau und prägen amerikanischen Klang.

Made in the USA – konzentrierte Härte, analytische Kälte

Amerikanischer Ampsound lässt sich demnach zusammengefasst als eher kühl und klar definieren. Gainpotenzial und größere Cleanreserven prägen das Klangbild der Verstärker made in the USA und machen einen großen Teil des amerikanischen Sounds aus. Der warme und organische Klang britischer Verstärker verliert sich bei den Amerikanern in eine etwas schneidende, durchsetzungstarke und definierte Ausgestaltung des Tons – mit sehr großem Erfolg!

Ein Gitarrenspieler während eines Solos auf der Bühne

Amerikanischer Ampsound vs. britischer Ampsound – Fazit

Wir hoffen, mit unserem Überblick einige Denkanstöße für die Diskussion GB vs. USA gegeben zu haben und sind uns gleichzeitig darüber im Klaren, wie schwer eine Definition von subjektiven Klangeigenschaften einzelner Amps fällt. Natürlich gibt es viele amerikanische Amps, die eher britisch-organisch klingen. Mindestens so viele, wie es britische Amps gibt, die analytisch-durchsetzungstark sind. Doch eins ist klar: Großartig klingen können sie alle – das hat die Geschichte in jedem Musikgenre bewiesen!

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Bildquellen:
Beitragsbild: © George Dolgikh – stock.adobe.com
Ausschnitt Verstärkergehäuse: © Trygve – stock.adobe.com
Sitzender Gitarrenspieler: © sumnersgraphicsinc – stock.adobe.com
Diverse Marshall-Verstärker: © fvancini  – https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ | https://de.wikipedia.org/
Gitarre mit Union Jack Plakette: © CIGI – stock.adobe.com
Gitarrenspieler auf der Bühne: © v74 – stock.adobe.com